DZZ Ausgabe 12/2004

Synthetische, phasenreine Beta-Trikalziumphosphat-Keramik (Cerasorb) zur Knochenregeneration bei der rekonstruktiven Chirurgie der Kiefer – Eine klinische Langzeitstudie mit Literaturübersicht
Trikalziumphosphate (TCP) zeichnen sich durch ihre besondere Biokompatibilität, Resorbierbarkeit und Osteokonduktivität aus. Die seit 1997 verfügbare vollsynthetische, phasenreine Beta (b)- TCP-Keramik (Cerasorb) erfüllt die Forderung nach schneller Resorption bei gleichzeitiger Osteokonduktivität. Das klinische Interesse der vorliegenden Langzeitstudie mit diesem Knochenaufbaumaterial galt neben den bekannten Indikationen vor allem der Alveolarfortsatzrekonstruktion und der sekundären Kieferspaltosteoplastik, die im Hinblick auf die Defektgröße bisher eine Domäne der autogenen Spongiosatransplantation darstellten. Seit 1997 wurde prospektiv unter standardisierten Studienbedingungen bei 152 Patienten b-TCP als Knochenaufbaumaterial implantiert. Hauptindikationen waren die Auffüllung großer Unterkieferzysten (n=52), die sekundäre und tertiäre Kieferspalt-osteoplastik (n=38), die rekonstruktive Parodontalchirurgie (n=24) und der Sinuslift (n=16). Ab einer sich radiologisch darstellenden Defektgröße von ca. 2 cm2 wurde aus der Retromolar-, Tuber- oder Kinnregion entnommene autogene Spongiosa zugemischt, wodurch auf Beckenkammspongiosa verzichtet werden konnte. Post operationem erfolgten im Abstand von 4, 12 und 52 Wochen klinische, radiologische, sonographische sowie bei notwendigen Zweiteingriffen histologische Kontrollen. Die Komplikationsrate lag bei 5,9 %, radiologisch stellte sich im Zeitraum von ca. 12 Monaten ein vollständiger Ersatz von b-TCP-Keramik durch körpereigenen Knochen dar. Histologisch zeigte sich eine sichere Knochenregeneration mit physiologischem Remodelling des Knochens. Synthetische, phasenreine b-TCP-Keramik stellt aufgrund ihrer universellen Einsetzbarkeit und niedrigen Komplikationsrate eine hervorragende Alternative auch bei größeren Knochendefekten als Ergänzung zu autogenen Spongiosatransplantaten dar.

   Bild
 
1 Einleitung

Der Bedarf an Knochen und Knochenersatz- bzw. -aufbaumaterialien ist ganz erheblich, so werden allein jährlich in den USA über 250.000 Knochentransplantationen durchgeführt [19]. Unter den zur Knochenregeneration verwendeten Implantaten und Transplantaten besitzt die frische autogene Spongiosa nach wie vor die höchste biologische Wertigkeit, ihr klinischer Einsatz ist jedoch durch den erforderlichen Zweiteingriff und dessen Komplikationen [9, 29, 36] sowie ihre begrenzte Verfügbarkeit limitiert [22]. Alternativ werden allogene, kältekonservierte Bankknochen, bovine Proteinkomplexe [25], Zemente [52] oder keramische Knochenersatzmaterialien verwendet [27, 40]. Der Nachteil von Bankknochen liegt unter anderem im potentiellen Infektionsrisiko [17], während alloplastische Keramiken als anorganische Materialien keine eigene biologische Aktivität besitzen [28]. Die Entwicklung synthetisch-alloplastischer oder biologisch-alloplastischer [52] osteokonduktiver Knochenaufbaumaterialien, die entweder vollständig knöchern integriert oder vollständig resorbiert und durch lamellären Knochen ersetzt werden, hat daher in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die anorganischen, knochenmineralverwandten Kalziumphosphat-Keramiken (a-Trikalziumphosphat, b-Trikalziumphosphat und Hydroxylapatit) zeichnen sich gegenüber den Knochenaufbaumaterialien biologischen Ursprungs (Bio-Oss, Frios, Algipore, Interpore 200) dadurch aus, dass sie synthetisch mit genau definierbaren physio- und kristallchemischen Eigenschaften herstellbar sind, eine gleichbleibende Chargenqualität (chemische Zusammensetzung und Reinheit) besitzen und so eine besser abschätzbare biologische Reaktionsweise ermöglichen. Darüber hinaus sind sie atoxisch, immunologisch inert, nicht kanzerogen und nicht teratogen. Durch eine geeignete Porenstruktur haben sie osteotrope oder osteokonduktive Eigenschaften. Ein Nachteil der Hydroxylapatit-Keramiken ist ihre niedrige Biodegradationsrate, das Hauptinteresse richtet sich daher auf die neuen resorbierbaren, phasenreinen a-und b-TCP-Keramiken als Knochendefektfüllmaterialien. Das Trikalziumphosphat (TCP) existiert somit in 2 Modifikationen, einer Hochtemperatur-Modifikation, dem a-TCP (a-Ca3(PO4)2), das bei Temperaturen über 1125° C gebildet wird und einer Niedertemperatur-Modifikation, dem b-TCP (b-Ca3(PO4)2), das bei Temperaturen unterhalb von 1125° C entsteht und bis in den Bereich der Normaltemperatur stabil ist [12]. a-TCP ist im biologischen Umfeld im thermodynamischen Sinn instabil, während b-TCP dort stabil ist. Trotz der vergleichsweise hohen Löslichkeit wird beim a-TCP nur eine relativ langsame Resorption beobachtet, die dadurch bedingt ist, dass a-TCP im biologischen Lager entweder partiell oder vollständig in Hydroxylapatit Ca5 [OH (PO4)3] hydrolysiert und dann nicht mehr in Lösung geht [13]. Die so entstehenden Hydroxylapatit-Kristalle haben eine unphysiologische Kristallmorphologie und werden aufgrund der sehr geringen Löslichkeit nicht resorbiert und können durch Phagozytose in das Lymphsystem gelangen [8].
Das klinische Interesse der vorliegenden Studie galt somit der erstmals seit dem Jahre 1997 verfügbaren resorbierbaren, phasenreinen b-TCP-Keramik (Cerasorb, Curasan AG Kleinostheim) vor allem im Einsatzbereich der Alveolar- fortsatzrekonstruktion des Kiefers, die je nach Defektvolumen bisher eine Domäne für die Transplantation autogener Spongiosa darstellte. Im Mittelpunkt der klinischen Langzeituntersuchung stand dabei die Resorbierbarkeit des Knochenaufbaumaterials, das synchron zur Osteoneogenese abgebaut und damit eine vollständige Regeneration des ortsständigen Knochengewebes ermöglichen sollte. Aus vorausgegangenen klinischen Studien mit einem mehrphasigen, nur partiell resorbierbaren TCP-Keramikgranulat (a-TCP, b-TCP, Hydroxylapatit) konnte bereits gezeigt werden, dass eine deutliche Korrelation zwischen der Resorbierbarkeit des Implantates und der Knochenneubildung in Abhängigkeit von der Dichte und Reinheit der Keramik, der Größe des Defektes, der Art des Ersatzlagers und der individuellen osteo-genetischen Potenz des Knochens besteht [21].

  
  
Gesamtbeitrag downloaden

© 2002 – 2016 Deutscher Ärzteverlag; entwickelt von L. N. Schaffrath DigitalMedien GmbH
Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift
Themenvorschau

Inhaltsverzeichnisse

Mediadaten

DZZ-Recherche

ABO-Service

Autorenrichtlinien

Schriftleitung

Literaturverwaltung

Herstellerinfos

Kurzcharakteristik

Redaktionsbeiträge

Kontakt

Stellungnahmen

Praxisletter

EbM-Splitter

Online-Fortbildung
ePaper